Die Naturforschenden Gesellschaften in der Schweiz und die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) sind eng mit Citizen Science verbunden und das schon lange bevor sich der Begriff Citizen Science etablierte. Bereits im 19. Jahrhundert leisteten Bürger:innen als Teil von Naturforschenden Gesellschaften einen wertvollen Beitrag zur naturwissenschaftlichen Forschung. Sie sammelten Beobachtungen, dokumentierten Naturphänomene und stellten ihre Zeit sowie ihr Wissen zur Verfügung.

Naturforschende Gesellschaften fördern, verbreiten und dokumentieren  naturwissenschaftliches Wissen, sowohl innerhalb als auch ausserhalb akademischer Institutionen. Sie tragen dazu bei, Naturwissenschaften regional zu verankern und haben in der Schweiz eine lange Tradition.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert prägten diese Gesellschaften eine Arbeitsweise, in der wissenschaftliche Erkenntnis nicht ausschliesslich in akademischen Kreisen entstand, sondern auch dank des Engagements aus der Zivilgesellschaft und von Einzelpersonen. Viele der historischen Sammlungen und Datengrundlagen der Naturwissenschaften in der Schweiz wären ohne diese breite Beteiligung nicht entstanden.

Historische Praxis am Beispiel der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich

Die Naturforschende Gesellschaft in Zürich, gegründet im Jahre 1746 als «Physicalische Societät», übernahm bis ins 19. Jahrhundert Aufgaben, die heute primär staatlichen oder akademischen Institutionen zugeordnet werden. So organisierten ihre Mitglieder Zeitmessungen, führten Volkszählungen durch oder installierten Blitzableiter. Gleichzeitig bauten die Mitglieder zentrale wissenschaftliche Infrastrukturen wie Sammlungen von Instrumenten und Naturalien, eine Bibliothek, einen botanischen Garten sowie eine Sternwarte auf. Die dabei generierten Daten, zum Beispiel die seit 1746 systematisch erhobenen Wetteraufzeichnungen, sowie die geschaffenen Einrichtungen bildeten eine wesentliche Grundlage für die spätere Institutionalisierung der Naturwissenschaften, insbesondere für die Universität Zürich und die ETH Zürich.

Ein grosser Teil dieser Tätigkeiten wurde von bürgerlichen Akteur:innen getragen, die nicht hauptsächlich in der Wissenschaft tätig waren, sondern sich aus persönlichem Interesse engagierten. Eine direkte Gleichsetzung mit Citizen Science ist etwas verkürzt, da die institutionelle Trennung zwischen professioneller Wissenschaft und Laienforschung im 19. Jahrhundert noch nicht in gleicher Weise ausgeprägt war. Dennoch zeigen diese Praktiken erstaunliche Parallelen zu heutigen Formen der Beteiligung von Bürger:innen an wissenschaftlicher Forschung.

Bedeutung freiwilliger Beteiligung heute

Der Mehrwert solcher Zusammenarbeit über akademische Institutionen hinaus liegt bis anhin insbesondere in der Reichweite und Dauerhaftigkeit der Datenerhebung. Freiwillige ermöglichen flächendeckende Beobachtungen, langfristige Datenreihen und eine Verankerung der Forschung in lokalen Kontexten, die professionelle Forschung allein kaum leisten könnte. Damit erweitern sie nicht nur die Datenbasis, sondern auch die Fragestellungen und Perspektiven der Wissenschaft. Naturforschende Gesellschaften stellen in diesem Zusammenhang bis heute wichtige Partner für Citizen-Science-Projekte dar, da sie lokal verankert sind und über Netzwerke von engagierten Personen verfügen.

Damals wie heute führen viele Naturforschende Gesellschaften Citizen-Science-Projekte durch, auch wenn sie diese nicht immer so benennen. Freiwillige beobachten, erfassen, kartieren und dokumentieren. Dabei eignen sich auch Ehrenamtliche beachtliches und teilweise sehr spezialisiertes Fachwissen an. Für die Gesellschaften zentral ist der Anspruch, dass diese Aktivitäten einen Beitrag zu relevanten Forschungsfragen leisten. In diesem Sinne kann Citizen Science weniger als neues Format verstanden werden, sondern vielmehr als Weiterführung einer etablierten Praxis, in der wissenschaftliche Erkenntnisse auch auf freiwilliger Arbeit beruhen können.

Dass die Naturforschenden Gesellschaften weiterhin einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten, zeigt sich auch in ihrer aktuellen Anerkennung. So wurden die Aargauische Naturforschende Gesellschaft und die Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur mit dem Cogito-Preis ausgezeichnet für ihr langjähriges Engagement an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft.

SCNAT – Vernetztes Wissen im Dienste der Gesellschaft

Eine zentrale Rolle zur Vernetzung und Sichtbarmachung der Aktivitäten übernimmt die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT), welche als Dachorganisation das Fachwissen der naturwissenschaftlichen Fachgesellschaften und der 29 Kantonalen und Regionalen Naturforschenden Gesellschaften der Schweiz bündelt. Mit diesem Netzwerk engagiert sie sich regional, national und international für die Zukunft von Wissenschaft und Gesellschaft. Sie stärkt das Bewusstsein für die Naturwissenschaften als Bestandteil der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung. Dank ihrer breiten Abstützung identifiziert und bewertet sie wissenschaftliche Entwicklungen, liefert Expertise für die Politik, fördert den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft und legt die Basis für die nächste Generation von Naturwissenschaftler:innen und Naturwissenschaftlern. Die SCNAT ist Teil des Verbundes der Akademien der Wissenschaften Schweiz.

Citizen Science in der Praxis: Aktuelle Projekte der Naturforschenden Gesellschaften

Diese institutionelle Einbettung unterstreicht, dass die historisch gewachsene Beteiligung von Bürger:innen an wissenschaftlichen Prozessen nicht nur fortbesteht, sondern auch heute aktiv gefördert und weiterentwickelt wird. Dies wird deutlich in der Vielzahl konkreter Projekte, in denen Naturforschende Gesellschaften Formen der Citizen Science umsetzen. Die Projekte richten sich dabei sowohl an eine breite Öffentlichkeit als auch an Mitglieder der jeweiligen Gesellschaften. Dabei lassen sich unterschiedliche Grade der Beteiligung beobachten, von offenen Projekten mit breiter Teilnahme aus der Bevölkerung bis hin zu stärker spezialisierten Beiträgen durch erfahrene Mitglieder. Gemeinsam ist diesen Ansätzen jedoch, dass sie auf freiwilligem Engagement basieren und somit zentrale Prinzipien von Citizen Science widerspiegeln.

Das Projekt Winti Scout ist ein Citizen-Science-Projekt der Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur (NGW) und von Stadtgrün Winterthur. Ziel ist es, die Pflanzenvielfalt in Winterthur zu erfassen und damit einen Beitrag zum Schutz der Biodiversität zu leisten. Gleichzeitig soll das Projekt das Wissen und Interesse der Bevölkerung an der Stadtflora fördern.

Bürger:innen können aktiv teilnehmen, indem sie Pflanzen in Winterthur fotografieren und mithilfe der kostenlosen App Flora Incognita bestimmen und dokumentieren. Die Teilnahme ist flexibel, kostenlos und ohne Verpflichtungen möglich. Zusätzlich werden freiwillige Exkursionen und Informationsveranstaltungen angeboten.

Die gesammelten Daten werden öffentlich zugänglich gemacht und dienen dazu, Veränderungen der Pflanzenwelt zu analysieren – beispielsweise im Zusammenhang mit Klimawandel, städtischer Verdichtung und Biodiversitätsförderung. Regelmässige Treffen ermöglichen es den Teilnehmenden, die Ergebnisse gemeinsam zu diskutieren.

Das Projekt «Wilde Nachbarn» untersucht das Vorkommen von Wildtieren im Siedlungsraum. Ziel ist es, Wissenslücken zur Verbreitung von Arten zu schliessen, indem die Bevölkerung aktiv eingebunden wird und eigene Tierbeobachtungen meldet. Das Projekt macht die dortige Biodiversität sichtbar, fördert das Bewusstsein dafür und trägt gleichzeitig zur Datensammlung für Forschung und Naturschutz bei.

Die Aargauische Naturforschende Gesellschaft (ANG) ist Teil der Trägerschaft des Projekts im Kanton Aargau und bringt ihre Expertise in der Vermittlung von naturwissenschaftlichem Wissen ein. Zudem organisiert sie Vorträge und Exkursionen und trägt zur Sensibilisierung der Bevölkerung für naturwissenschaftliche Themen bei.

Wie im Aargau werden auch im Kanton Thurgau die wilden Nachbarn erfasst. Das Projekt untersucht das Vorkommen von Wildtieren im Siedlungsraum um dadurch «Wissenslücken über ihre Verbreitung schliessen». Die Thurgauische Naturforschende Gesellschaft ist ebenfalls Teil der Trägerschaft dieses Projektes.

Die Schwyzerische Naturforschende Gesellschaft (SzNG) dokumentiert im Kanton Schwyz sogenannte Geotope. Ein Geotop ist ein schützenswerter Ort, der wichtige Informationen über die Erdgeschichte liefert. Das können zum Beispiel Schluchten, Quellaufstösse oder Höhlen sein. Eine Arbeitsgruppe der SzNG überarbeitet gegenwärtig das Geotop-Inventar des Kanton Schwyz.

Die Naturwissenschaftliche Gesellschaft des Kantons Schaffhausen (SHnat) organisiert mindestens ein Blitzinventar pro Jahr. Auf 100x100m2 werden alle Pflanzenarten mit Koordinaten bestimmt. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, über fünf Jahre hinweg ein 5 × 5 km2 grosses Gebiet zu bearbeiten oder im Rahmen sogenannter «Missions» gezielt nach historischen Fundmeldungen zu recherchieren. Die Funde werden Info Flora gemeldet und können somit für Verbreitungskarten, Naturschutzmassnahmen und Forschungszwecke genutzt werden.

Abgeschlossene Projekte

Anmerkungen

Für weiterführende Informationen bietet das Buch «Die Naturforschenden. Auf der Suche nach Wissen über die Schweiz und die Welt, 1800 - 2015» einen guten Einblick in die Geschichte der Naturforschenden Gesellschaften. Spezifisch Einblick in die Geschichten der Akademien der Naturwissenschaften Schweiz gibt das Kapitel «Eine ein­­fache und an­spruchs­lose Or­ga­nisation». Hier geht es zum Buch.

Dieses Spotlight ist enstanden in Zusammenarbeit mit Christian Preiswerk von der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). Vielen Dank.

Dieses Spotlight dient zur Orientierung für Neulinge, als Denkanstoss für Erfahrene und als Präsentation von Beispielen. Die Projektauswahl basiert auf einer Umfrage von Christian Preiswerk. Chiara Podany hat die Synthese vorgenommen.

Veröffentlicht am 21. Mai 2026